Angsthunde

By on 30. Mai 2017

Angsthunde - Ein Artikel aus dem Hundereporter Magazin Ausgabe 2

Du siehst die Gefahr auf dich zukommen. Egal was die anderen dir sagen – du hast deine ganz eigenen Erfahrungen gemacht und weißt, dass jetzt gleich etwas Schreckliches passiert und du kannst nicht weg. Du stehst mit dem Rücken zur Wand – du hast Angst – und du hast nur zwei Möglichkeiten: entweder du bleibst zitternd und wimmernd wie ein Häufchen Elend stehen und hoffst, dass es schnell vorbei geht, oder du gehst zum Gegenangriff über und versuchst, die größere Gefahr zu sein. … und dabei ist es völlig egal, ob du ein Hund bist, oder ein Mensch …

Viele Symptome für extreme Angst sind bei Menschen fast mit denen bei Hunden identisch: Unruhe, Schlafstörungen, erweiterte Pupillen, die „Zutraulichkeit“ nimmt ab, verminderter Spieltrieb, gesteigerte Nahrungsaufnahme oder Appetitlosigkeit, Hecheln (beim Menschen intensiveres Atmen, bis hin zur Hyperventilation) eventuell sogar Erbrechen. Angst setzt uns außer Gefecht und bringt uns dazu uns so zu verhalten, wie wir es eigentlich nicht wollen. Wir verlieren die Kontrolle über uns selbst – ganz gleich ob Hund oder Mensch. Und wie soll jemand anderer die Kontrolle über uns erlangen, wenn wir sie selbst schon nicht mehr haben? Wie soll ein panischer Hund das Kommando eines Menschen umsetzen, wenn seine gesamte Aufmerksamkeit auf die sich nähernde Gefahr gerichtet ist? Das ist praktisch unmöglich. Der Fluchtinstinkt setzt ein und setzt alles andere außer Kraft, und wenn dieser nicht ausgelebt werden kann, schlägt er nicht selten ins Gegenteil, in Angriff, um. Das Schlimmste daran ist, dass der Hund unter seiner Angst leidet – und zwar sehr. Dieses Leid reicht von ständigem Unwohlsein über ernst zu nehmende Depression bis hin zu echten gesundheitlichen Schäden. Um aus einem ängstlichen Hund einen gelassenen Hund zu machen, hilft es nichts, zu versuchen, ihm die Symptome abzuerziehen (ganz abgesehen davon, dass ein solcher Versuch im Ansatz zum Scheitern verurteilt wäre) man muss die Ursache finden und an dieser arbeiten. Die Ursachen für Angst bei Hunden sind so unterschiedlich, wie die Hunde selber. Aber die Schemata für die Entstehung von Ängsten sind oftmals ähnlich und die meisten davon finden sich im Welpenalter.

– schlechte oder gar keine Sozialisierungsmöglichkeit in den wichtigsten Entwicklungsphasen.
– konkrete, schlechte Erfahrungen mit Menschen, Situationen, Hunden, anderen Tieren oder Gegenständen.
– akutes Trauma durch eine einzelne Angst einflößende Situation.
– Veranlagung. Es gibt auch Hunde, die einfach von Natur aus, selbst wenn alles „richtig“ gelaufen ist, sehr unsicher und dadurch empfänglicher für Ängste sind.

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Wenn man die Ursache kennt und man sich (vielleicht mit der Hilfe eines erfahrenen Hundetrainers oder sogar Hundetherapeuten?) daran macht, dem Hund zu helfen, diese Ursache zu verarbeiten, dann braucht man vor allem eins: Geduld. Wer glaubt, dass er in zwei oder drei Sessions aus seinem scheuen, ängstlichen – und daher vielleicht gleichzeitig höchst aggressiven Fellkneuel einen ausgeglichenen Schmusewauwau machen kann, der wird schnell eines besseren belehrt und merken, wie viel Zeit man dafür benötigt. Da man mit einem Hund keine Gesprächstherapie machen kann, gibt es nur einen einzigen wirksamen Weg, um dem Hund die Angst, die er hat, von den Schultern zu nehmen: Desensibilisierung. Das heißt, dass man den Hund ganz vorsichtig, absolut druck- und gewaltfrei und in denkbar bester Umgebung, mit der Situation, der Sache, der Person vor der er Angst hat, in zunächst sehr geringer Dosis, wieder und wieder konfrontieren muss. Je nach Stärke der Angst, wird es wahrscheinlich nicht möglich sein, gleich eine volle Konfrontation herbei zu führen, weil der Hund damit überfordert wäre. Es muss das gefunden werden, was der Engländer „babysteps“ nennt – winzig kleine Schritte, die in die richtige richtung führen.

Angsthunde - Ein Artikel aus dem Hundereporter Magazin Ausgabe 2

Genau hier ist von uns Geduld und manchmal eine gehörige Portion Einfallsreichtum gefordert. Wenn der Hund einen der Schritte gehen konnte und es geschafft hat, sich einer Situation gelassen zu stellen, die ganz entfernt mit seiner eigentlichen Angst zu tun hat, dann sollte man nicht sofort den nächsten Schritt machen, sondern ihm erst einmal die Zeit geben, zu erfahren, dass diese Situation auch dauerhaft für ihn keine bedrohung mehr darstellt. Er muss lernen, seiner Gelassenheit in diesem kleinen neuen Punkt zu vertrauen. Wenn das gegeben ist, kann man langsam den nächsten Schritt angehen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass der Hund auf „Null“ zurück fällt, während man mit ihm am nächsten Schritt arbeitet. Mancher Leser, der diesen Artikel bis hierhin gelesen hat, mag nun denken: Aha, ich glaube ja, dass das richtig ist, aber das ist mir viel zu allgemein gehalten. Wo ist nun der ratschlag, wie ich gegen die konkrete Angst meines Hundes vor Silvesterknallern, vor roten bällen, vor fremden Menschen, vor Zeitungen, vor … (hier kann man weiteres beliebiges einsetzen, wovor ein Hund Angst haben kann) vorgehen kann? Ängste bei Hunden sind stets eine ganz individuelle Angelegenheit und es ist praktisch unmöglich, eine Ferndiagnose – oder gar einen Fern-rat zu geben, ohne den Hund zu kennen. Wer einen Hund mit einem Angst-Problem hat, das er alleine nicht lösen konnte, der sollte in jedem Fall die Hilfe eines Hundetrainers, besser noch eines Hundetherapeuten nutzen. Der Trainer oder Therapeut muss sich erst einmal einen konkreten Eindruck von der Lebenssituation und vor allem von dem betroffenen Hund machen, bevor er Anleitungen an die Hand geben kann, wie man dem Tier helfen kann.

Angsthunde - Ein Artikel aus dem Hundereporter Magazin Ausgabe 2

Neben einem besonderen Gespür für die bedürfnisse von Hunden, haben diese Menschen es auch gelernt, die Verhaltensweisen von Hunden zu interpretieren und zu erkennen, wo genau das Problem liegt. Mit einem Hund der Angst vor flatternden Dingen hat, muss man ganz anders vorgehen, als mit einem Hund, der Angst vor Fremden hat. Es ist möglich, dass selbst ein Fachmann mehrere Anläufe benötigt, um den richtigen Weg gegen die individuelle Angst eines Hund zu finden. Das wichtigste in allem bestreben dem Hund zu helfen ist es, nicht aufzugeben. Wenn euer Hund Glück hat, kann er den Weg zur Angstfreiheit zügig gehen. Wenn er weniger Glück hat, wird es Jahre dauern und eure Geduld bis an den rand des Möglichen strapazieren. Aber die Arbeit an dem Problem lohnt sich immer, denn jedes kleine bisschen Angst weniger auf dem Weg zum Ziel, macht das Leben für euren Hund leidfreier, schöner und leichter.

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