Hunde-Tattoo als Therapie

By on 7. März 2017

Hunde-Tattoo als Therapie

Wie die Liebe zum Hund auch über dessen Tod hinaus den Menschen in seiner ganzen Lebenseinstellung und in seinen Gefühlen beeinflussen kann.

Ich saß in der Redaktion über einem Haufen Bilder, die ich sortieren wollte. Mein Telefon klingelte. Ah, das ist wohl Günter. Er wollte mich anrufen, wenn er in Berlin angekommen ist. Ich hob ab und sagte mit etwas Hamburger Dialekt: „Hier Krematorium ,Ruhe sanft’ in Beuersweda!“ „Ich geb dir gleich Krematorium,“ hörte ich die lachende Stimme von Marion, der Firmen- Chefin. „Also pass auf, ich hab da einen neuen Auftrag für dich. In Belgien gibt es einen jungen Mann, der heißt Michael und ist 35 Jahre alt. Er ist bis vor zehn Jahren Motorrad-Rennen gefahren. In seinem letzten Rennen hatte er einen schrecklichen Unfall, bei dem er sich vier Rückenwirbel so schwer verletzte hat, dass er bis heute querschnittsgelähmt blieb, ja, und wohl auch ewig bleiben wird, denn man konnte zwar sein Leben retten, aber er muss im Rollstuhl sitzen.“ „Oh, man, da war er ja gerade fünfundzwanzig Jahre alt. Aber gibt es da eine Verbindung zu einem Hund?“ „Das ist die Hauptsache. Michael hatte mit einundzwanzig Jahren einen Hund bekommen und nachdem er nach langem Klinikaufenthalt wieder zuhause war, war sein Apollo, so hieß der Hund, sein ein und alles. Er war zu seinem Lebensinhalt geworden. Leider starb Apollo vor ein paar Monaten, und zwar genau über Weihnachten.

Hunde-Tattoo als Therapie

Hunde-Tattoo als Therapie

Hunde-Tattoo als Therapie
.


.
Du kannst dir bestimmt vorstellen, wie es da um Michael bestellt war. Der wollte einfach nicht mehr. Die Liebe zu seinem Hund war auch über dessen Tod hinaus so stark, dass Michael in Depressionen versank, und auch seine Freundin konnte da nicht viel helfen. Als die behandelnden Ärzte glaubten, dass da nicht mehr viel zu machen war, kamen sie auf eine sowohl eigenwillige als auch mutige Idee für eine Therapie…“ „Entschuldige – mal eine Zwischenfrage: Spricht Michael Deutsch oder Englisch?“ „Nein, nur Französisch.“ „Das wird ein Problem. Ich kann nur ,Palez vous francais’ und … äh, lassen wird das.“ „Er hat seit mehreren Jahren eine FreunFreundin. Sie heißt Pascale und spricht fließend Französisch und Englisch. Sie hat sich bereit erklärt, zu dolmetschen.“ Marion erzählte mir noch einige grundsätzliche Details. Dann gab sie mir die Adresse in Brede, Holland, wo ich Michael und Pascale treffen sollte. Und schon schickte sie mich auf die Reise. „Wie immer,” dachte ich, „das Leben selbst schreibt die besten und eigenartigsten Geschichten.” Wenn ich da schon gewusst hätte, wie außergewöhnlich diese Story enden würde, hätte ich den Satz sicherlich ganz anders formuliert. Nach eineinhalb Stunden Fahrt war ich in Breda und traf Michael und Pascale pünktlich auf der dortigen Tattoo-Convention. Die Begrüßung war ausgesprochen herzlich, denn von Anfang an sprang dieser Funke über, der einem alles so vertraut, so freundschaftlich macht. Darum war es auch nicht unpassend, als ich voller Enthusiasmus sagte, dass das kein normaler Rollstuhl sei, auf dem Michael da thronte, sondern ein umgebauter Ferrari, auf den selbst James Bond neidisch sein dürfte. Nach kurzer allgemeiner Unterhaltung ging das Gespräch dann um die eigentliche Sache, weshalb Michael hier auf dieser Tattoo-Convention war. Michael sprach auf Franösisch, ich auf Englisch und Pascale übersetzte meine Fragen vom Englischen ins Französische und seine Antworten vom Französischen ins Englische. Ich wollte zuerst einmal wissen, wie das mit dem Motorradunfall passiert ist, und Pascal erklärte, indem sie zwischendurch immer wieder mit Michael sprach: „Michael war ein Moto-Cross-Fahrer und nahm an Veranstaltungen und Wettbewerben teil. Vor zehn Jahren brach er sich bei einem dieser Rennen, neben vielen anderen schweren Verletzungen, auch vier Rückenwirbel. Er wurde über lange Zeit in Liege in Belgien im Hospital „Citadelle“ behandelt. Ich selbst arbeite dort seit 19 Jahren in der psychiatrischen Abteilung für Kinder als Krankenschwester. Vor neun Jahren trafen wir uns innerhalb des Hospitals, lernten uns nährer kennen, und seit dem bin ich seine Freundin. Da wir nicht zusammen wohnen, war Apollo, sein Hund seine Hauptbezugsperson und natürlich seine ganz große Liebe.“ „Und jetzt will sich Michael seinen besten Freund Apollo auf die Brust tätowieren lassen.“ „Ja. Als Apollo, ein American Stafford über Weihnachten, am 26.12.2011 starb, ging für Michael die Welt unter. Er wollte ohne seinen treuen Freund nicht mehr sein.

Hunde-Tattoo als Therapie

Die Ärzte waren ratlos, bis sie ihm eine regelrechte Therapie verordnet haben, natürlich auf freiwilliger Basis, der Michael aber höchst erfreut und wieder total motiviert zugestimmt hat. Michael sollte sich seinen Apollo auf die Brust tätowieren lassen. Dann hätte er seinen Freund immer bei sich über seinem Herzen. Er wäre dann eins mit ihm.“ Für dieses Unternehmen hatte man sich dann aber auch einen der besten Realistik- Tätowierer ausgesucht, nämlich „Anabi“ aus Stettin in Polen. Er ist 31 Jahre alt und seit 5 Jahren Tätowierer. Er und seine Kunstwerke sind schon lange in der Szene bestens bekannt. Damit hatten Michael und Pascale einen idealen Griff gemacht. Ich durfte den ganzen Werdegang bebegleiten und jeden Schritt fotografieren. Zuerst zeichnete Anabi die groben Konturen auf eine Folie. Mit dieser Folie wurde die Zeichnung standgenau auf die Brust übertragen. Dann fing er an verschiedenen Hauptblickpunkten an zu tätowieren, und ganz langsam, Detail für Detail, entstand das Abbild von Apollo, von dem Michael eine Fotografie mitgebracht hatte. Während wir über allgemeine Dinge sprachen, hielt Pascale immer mal wieder Michaels Hand und man merkte, wie diesem Pacales Nähe gut tat. Als man dachte, dass die Tätowierung schon fertig sei, setzte Anabi mal hier, mal dort noch eine Kontur oder sorgte für etwas mehr Tiefe. Dann war es so weit. Michael wurde der Spiegel vorgehalten und er konnte erstmals seinen Apollo auf seiner Brust sehen. Ich hatte das Gefühl, er würde jeden Augenblick vor Freude zu weinen beginnen. Er schaute lange auf das Tattoo.

Hunde-Tattoo als Therapie
.


.
Er konnte seinen Blick nicht abwenden – und dann lachte er nur noch und sagte: „Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass eine Tätowierung so schön und so lebensecht sein könnte. Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht mit so einem wunder-, wunderschönen Bild von Apollo.“ „Fühlst du dich Apollo durch diese Tätowierung mehr verbunden als bisher,“ wollte ich wissen. „Es ist für mich so, als wäre er wieder lebendig, als könnte ich ihn anfassen und mit ihm reden. Aber ich weiß mit meinen Gefühlen noch gar nicht wohin. Ich bin erst einmal total überwältigt.“ Ich muss gestehen, dass auch ich absolut beeindruckt war, nicht nur von der Tätowierung, sondern von dieser Situation. Ich ließ noch einmal Revue passieren: Da war ein querschnittsgelähmter, belgischer Moto-Cross-Fahrer, der nur französich sprach mit einer englisch sprechenden Freundin, die in der Psychatrie für Kinder arbeitet, zusammen mit einem deutschen Reporter auf eieiner holländischen Tattoo-Convention, um sich von einem polnischen Tätowierer tätowieren zu lassen. Das waren sechs Nationalitäten in einer Story. Aber vor allem, die Freude von Michael und Pascale miterleben zu dürfen, war schon den ganzen Aufwand wert. Doch dann passierte etwas, von dem ich befürchtete, dass sich alles wieder ins Gegenteil umkehren könnte. Michael fand seine Tätowierung so toll, dass er an dem sogenannten Contest teilnehmen wollte. Dabei werden in vielen Kategorien jeweils eine ganze Reihe Tattoos von einer Jury begutachtet und bewertet. Die besten drei erhalten dann jeweils einen Preis mit einem Pokal. Michael war davon überzeugt, in so einer Bewertung berücksichtigt zu werden. Die vier Jurymitglieder begutachteten auch sein Tattoo, so wie etwa hundert andere. Nach einer Stunde wurden dann die Ergebnisse vorgelesen und die jeweiligen Sieger bekamen einen Pokal in Form eines Segelschiffes.

Hunde-Tattoo als Therapie

Es wurden die ersten drei Plätze aufgerufen von best Black and Grey, best Colour, best small Tattoo usw. Ich stand links vor der Bühne und beobachtete Michael, der mit seinem Rollstuhl mir gegenüber an der rechten Seite der kleinen Bühne stand. Erwartungsvoll schaute er zu der jungen Frau, die die Preise verlas. Mit jeder Kategorie, bei er nicht dabei war, senkte sich sein Kopf mehr und ich glaubte, seine Traurigkeit mitfühlen zu können. Jetzt kam die letzte Kategorie an die Reihe, best Realistic. Es war genau die Kategorie, in die sein realistisch tätowiertes Hundeportrait fiel. Dritter Platz: Sandra W., zweiter Platz: Jens A. Die Anspannung war kaum noch zu ertragen. Erster Platz: Simone U. Tja, das war’s dann wohl. Michael schaute nur noch nach unten. Man sah ihm die Enttäuschung an, und das sah nicht gerade schön aus. Plötzlich noch eine Ansage: „Und nun kommen wir zum letzten Sieger, nämlich ,Best of Day’. Gewinner Michael D, gestochen vom Tätowierer Anabi aus Polen.“ Michales Tattoo wurde prämiert als das allerbeste Tattoo, das am ganzen Tag auf dieser Tattoo-Convention gestochen worden war. Es war besser als alle ersten Plätze der vielen anderen Kategorien. Mit dieser Ansage ging der Kopf von Michael wieder hoch und ich hatte das Gefühl, er hatte damit so viel Lebensenergie wiedergefunden, dass er gleich aus seinem Rollstuhl aufsteht und voller Glück und Zufriedenheit zur Bühne geht. An dieser Stelle möchte ich mich bei Michael und Pascale dafür bedanken, dass ich dabei sein durfte, als Michael durch die Tätowierung seines verstorbenen Hundes wieder den Weg zurück ins Leben gefunden hat. Euer Johann

Teile dies mit deinen Freunden