Tierheim Berlin

By on 15. Oktober 2013

Am 29. Juni 1841 wurde der Predigtamtskandidat und spätere Schulvorsteher Dr. C.J. Gerlach Zeuge, wie ein Kutscher auf dem Berliner Mühlendamm sein Pferd misshandelte. Diese Tierquälerei brachte den Stein ins Rollen und schrieb deutsche Tierschutzgeschichte, denn nur drei Monate später, am 6. Oktober 1841 gründete Gerlach den „Verein gegen Tierquälerei“. Das war die Geburtsstunde des Tierschutzvereins Berlin e.V.

Vor vier Monaten, Anfang Dezember fuhren wir nach Berlin, um uns das dortige Tierheim persönlich anzuschauen. Frau Stephanie Eschen, mit der wir uns vor Ort verabredet hatten, führte uns durch das Tierheim und erzählte uns einige Dinge über die Entstehung der neuen Anlage. Schon um 1800 wurde Berlin langsam zur Stadt der Hunde, was die Anwohner nicht gerade gerne sahen. 1830 gab es bereits etwa 6.000 Hunde und die Zahl stieg. Dem wollte die Stadtverwaltung Einhalt gebieten und erließ eine Hundesteuer. Trotzdem wurden es immer mehr Hunde, und obwohl die Stadt 1853 auch noch einen Maulkorbzwang erließ, stieg die Zahl der Hunde bis 1860 auf 11.000.

Nach dem damaligen preußischen Recht hatten Tiere keine Rechte, und so wurde Tierquälerei nur willkürlich verfolgt oder erst gar nicht beachtet. Je mehr Misshandlungen vorkamen, desto größer wurde allerdings die allgemeine Stimmung gegen Tierquälerei. Zu diesem Zeitpunkt wurde Dr. Gerlach Zeuge einer entsprechenden Misshandlung eines Pferdes auf dem Berliner Mühlendamm.
Dr. Gerlach wollte nicht mehr nur zusehen und orientierte sich an der Entwicklung in anderen Städten, wie London, Stuttgart oder Dresden. Mit Kollegen gründete er den „Verein gegen Tierquälerei“ mit dem Ziel, „Grausamkeiten, welche so häufig an Tieren begangen werden, soviel wie möglich mit Hilfe aller ihm zu Gebot stehenden Mittel zu verhindern.“
Der anfängliche Erfolg war sehr gering, denn bei 90 Mitgliedern und deren Jahresbeitrag von zehn Groschen, ließen die Gelder keine großen Sprünge zu.
Am 17. April 1851 erreichte der Tierschutz eine Gesetzesänderung. Tierquälerei war nun ein Straftatbestand, allerdings musste sie das Merkmal des öffentlichen Ärgernisses tragen. Das heißt, Tiere wurden nicht um ihrer selbst Willen geschützt, sondern der Mensch vor der Zumutung, die Misshandlung eines Tieres mit ansehen zu müssen.

In den nächsten Jahren entwickelte sich der Tierschutzverein sehr positiv, denn mehrere gesellschaftlich hochgestellte Mitglieder verhalfen dem Verein zu höherem Ansehen. Im Jahr 1886 entstand dann in Britz das erste Berliner Tierasyl, in dem bedürftige Hunde untergebracht wurden. 1893 erreichte der Verein, dass Fundhunde nicht mehr automatisch getötet, sondern dem Verein übergeben wurden. Die nicht von ihren Besitzern abgeholten Tiere wurden versteigert. 1908 wurde nach mehreren Erweiterungen der bisherigen Räumlichkeiten ein neues Gebäude auf der Schicklerstraße 4 übernommen. Hier gab es eine Rettungsstation und eine Klinik, die rund um die Uhr für Notfälle zur Verfügung stand und hier wurden bereits alle Tätigkeiten eines Tierheimes ausgeübt.
Parallel zu den Ereignissen erhielt der „Verein gegen Tierquälerei“ als Vermächtnis des 1886 verstorbenen Restaurators Moore 60.000 Goldmark. Damit konnte Lankwitz das erste deutsche Tierheim bauen, das 1901 feierlich eröffnet wurde. Das Tierheim hatte von Anfang an den besten Ruf und schon bald hatte der Verein 12.000 Mitglieder. Es folgten während des Krieges die völlige Zerstörung aber durch viele hilfsbereite Hände auch der Wiederaufbau.
Die größe Herausforderung kam für den Verein jedoch bei der Wende, als im November 1989 die Berliner Mauer gefallen und die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet worden war. Nicht nur die bewaffneten Grenzsoldaten der DDR waren plötzlich arbeitslos, sondern auch ihre überscharfen Hunde, die regelrecht als „Bestien“ verschrien waren.
In zähen Verhandlungen konnte der Deutsche Tierschutzbund diese Hunde übernehmen und im Laufe der Zeit in einer unglaublichen Aktion sowohl an Tierheime, an den Zoll, an den Objektschutz usw., oder auch an private Personen vermitteln.
Die Wende im Jahr 1989 brachte dann auch die Veränderung für das Tierheim Lankwitz, das ohnehin schon zu klein geworden war und nun langsam aus allen Nähten platzte.
Ab 1993 begann man, sich nach geeigneten Grundstücken umzuschauen, bis man 1998 ein 16 Hektar großes Gelände in Falkenberg für sechs Millionen Mark kaufte.
Sofort begann man mit der Planung des neuen Tierheims, das bereits 2001 bis auf die Verwaltung und einige kleine Arbeiten bezugsfertig war. Das Wichtigste, die Tierunterkünfte, waren komplett. Es gab für die Tiere nicht nur viel Platz und Licht, sondern auch großzügige Innen- und Außengehege.
Damit folgte der Umzug von Lankwitz nach Falkenberg, was ebenfalls eine logistische Meisterleistung war.
Zur kompletten Fertigstellung wurde im Juni 2002 zur offiziellen Einweihungsfeier ein Tag der offenen Tür veranstaltet, zu dem 30.000 Mensch kamen, um sich bei viel Musik und guter Laune das neue Tierheim anzusehen.
Damit waren die Aktivitäten aber noch lange nicht abschlossen. Immer wieder wurde verbessert und weiter ausgebaut. So kam in 2003 beispielsweise zur Ausrüstung der Tierarztpraxis ein Ultraschallgerät hinzu. Außerdem wurde eine eine Waschanlage für Transportkisten in Betrieb genommen, und der Schalter als Anlaufstelle für die Besucher wurde fertiggestellt.
Es ist immer etwas zu tun, und wenn nicht gerade wieder ein neues Haus für neue Zwecke gebaut wird, dann passieren Dinge, wie im Dezember 2008, als aus einer Wohnung in Spandau in einem Fall von Animal Hoarding sage und schreibe 1.700 Wellensittiche befreit werden mussten.
Hier noch ein paar Daten: Insgesamt 65 Millionen DM kostete der Bau den Tierschutzverein für Berlin, zuzüglich der Summe von 6 Millionen DM, die für den Kauf des senatseigenen Grundstücks in Falkenberg bezahlt werden mussten. Und auch sonst wurde es ein Neubau der Superlative: Insgesamt 18.500 Quadratmeter Fläche wurden mit 17.000 Kubikmeter Beton bebaut, die Wasserbecken, die den Hundebereich vom übrigen Tierheim trennen, haben eine Ausdehnung von 6000 m². Bis zu 12.000 Tiere werden in der Stadt der Tiere in Falkenberg von 75 Pflegern jedes Jahr ohne Zuschüsse betreut und versorgt.
Zu der Unterbringung: Auf dem Bild links sieht man den inneren Auslaufhof eines der 5 Komplexe. An jeden Komplex sind drei kreisförmige Hundehäuser angeschlossen, die mit vielen Hunde-Boxen ausgestattet sind, wie man sie oben oder hier unten sieht.
Mancher Hotel-Betrieb würde sich freuen, eine derartige Sauberkeit und Hygiene vorweisen zu können, wie es hier zu sehen ist.
Alle Hunde sind vom ersten bis zum letzten Tag absolut gut versorgt, ganz gleich, ob man es aus medizinischer Sicht oder von der Ernährung her betrachtet.
Um all die nennenswerten Informationen geben zu können, würden wir das komplette Magazin füllen können. Aber wir feuen uns schon jetzt, bald wieder über dieses Tierheim berichten zu dürfen, über die Pfleger, über die vielen Helfer, die mit den Hunden spazieren gehen, über Leute, die hier einen Hund adoptieren oder über das allgemeine Leben hier im Tierheim. Berlin setzt mit diesem Vorzeige-Ojekt nicht nur in Deutschland neue Maßstäbe, sondern weltweit. Hier wird über Tierschutz nicht nur gesprochen – hier wird Tierschutz in allen nur erdenklichen Fassetten gelebt. Und trotz aller hochmodernster Professionalität steht der Hund zusammen mit den anderen Tieren an erster Stelle – in der Stadt der Tiere. Eure Gitti

Tierheim Berlin, Hausvaterweg 39
13057 Berlin, Tel. 030-768880
www.tierschutz-berlin.de

Bild: shutterstock.com – Angelo-O